Saatgut zwischen Vielfalt und Monokultur

Saatgut zwischen Vielfalt und Monokultur

Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung und es ist inzwischen ein Politikum geworden. Spannungsfelder entstehen: Vielfalt versus Monokultur, Ökologie versus großflächige Produktion, freier Zugang zu genetischen Ressourcen versus Patente. Wir alle sind von diesen Fragen betroffen.

Saatgut als Teil des Kreislaufs

Egal, ob wir selbst aussähen oder Jungpflanzen kaufen, ein Samen ist der Ausgangspunkt für einen neuen Lebenszyklus im Garten. Das Saatgut keimt und wächst, eine Pflanze entwickelt sich. Meist essen wir das Gemüse oder Obst, doch manchmal lassen wir die Pflanze so lange weiter wachsen, bis die Samen reif sind und wir Saatgut für die neue Aussaat ernten können. Ein einfacher Kreislauf der Natur.

Von Gurken bis Kuscheltomaten

Was Vielfalt bei unseren Kulturpflanzen bedeutet, lässt sich erahnen, wenn man die Stände der Saat- und Pflanzgutanbieter auf dem Saatgut-Festival Iphofen betrachtet. Da ist zum Beispiel Melanie Grabner, die unter dem Namen “Lilatomate” Saatgut von über 300 Sorten anbietet – Tomaten, Auberginen, Gurken, Chili, Paprika und mehr. Die Tomaten gibt es bei ihr in vielen Farben und Formen, von orangefarbenen Datteltomaten bis hin zur behaarten “Kuscheltomate”.

Melanie Grabner und die anderen Aussteller des Saatgut-Festivals Iphofen eint ihr Einsatz für den Erhalt von gefährdeten Kulturpflanzen.

Die Vielfalt feiern

Dass dieses Engagement wichtig ist, unterstrichen die beiden Gastredner Dr. Vandana Shiva, die sich seit Jahren für Biodiversität und Saatgutsouveränität einsetzt, und Benedikt Haerlin, der für den Erhalt der Vielfalt und gegen Gentechnik im Saatgut kämpft. “Die Teilnehmer des Saatgut-Festivals feiern die Vielfalt,” so Dr. Vandana Shiva. Die internationalen Saatgutkonzerne dagegen, stünden für den Geist, die Denkweise der Monokultur. Die stark gestiegene Marktmacht einiger Saatgutunternehmen und Bestrebungen durch Patente Eigentumsrechte am Züchtungsmaterial zu stärken, gefährde die Vielfalt und den Zugang zu unserer Lebensgrundlage, so die Aktivisten.

Die großen Züchtungsfirmen setzen in immer mehr Kulturen auf Hybriden. Diese Entwicklung hat um 1960 mit Mais begonnen. In den 70er Jahren wurden viele Gemüsearten in die Hybridzüchtung überführt. Die erste Generation einer solchen Kreuzung hat ein besonders üppiges Wachstum. Hybriden lassen sich jedoch nicht eigenständig weitervermehren, um die Sorte zu erhalten braucht man die beiden Elternlinien.

Der internationale Saatguthandel

Der internationale Handel entwickelte sich. Nach Angaben der International Seed Federation (ISF) lag das Volumen des internationalen Saatguthandels im Jahr 1985 noch bei weniger als 1,5 Milliarden US $. Bis 2011 kletterten die Exporte auf rund 10 Milliarden US $.

Das schnelle Wachstum einiger Unternehmen der Branche beruhte auch auf Übernahmen anderer Züchter. So kam es in den 1970er-Jahren aufgrund der Ölkrise zu Aufkäufen durch Chemie- und Ölkonzerne, die im Saatgut ein lukratives Geschäft sahen. In den 1980er-Jahren hielt die Gentechnik Einzug in die Pflanzenzüchtung. Heute bedienen sich Züchter in großen Unternehmen zum Beispiel sogenannter DNA-Marker, mit deren Hilfe sie das Ergebnis ihrer Kreuzungen und die Erbanlagen der Eltern auf der Ebene der Gene beurteilen können. Für die Integration von Biotechnologie und Gentechnik in die Züchtung mussten die Unternehmen große Investitionen tätigen, was auch die Konsolidierung antrieb.

Mit Gentechnik und Patenten

Durch den Einsatz gentechnischer Verfahren stiegen die Möglichkeiten, Patente auf den Züchtungsprozess oder die Sorte selbst zu erhalten. Ist eine Sorte mit Patenten belegt, können sie andere Unternehmen nur noch eingeschränkt für die Züchtung nutzen.

Werden Sorten mit herkömmlichen Züchtungsmethoden entwickelt, greift dagegen der sogenannte Sortenschutz, der die Verwendung durch andere Züchter erlaubt. Patente stellten deshalb einen grundlegenden Wandel im Rechtssystem der Branche dar. Inzwischen sehen sogar einige internationale Saatgutunternehmen Patente in der Züchtung sehr kritisch.

Die Großen werden größer

Wie schnell die Entwicklung der Unternehmen und das Wachstum des internationalen Saatgutgeschäftes waren, zeigen die Marktanteile der Top 5 der Branche. Nach Angaben der International Seed Federation (ISF) hatten 1985 die damals fünf größten Saatgutkonzerne einen weltweiten Marktanteil von 9 %, im Jahr 2011 lag dieser dagegen bei 45,9 %.

Bio-Züchtung als Alternative

Neben den lokalen Initiativen, die seltene Sorten erhalten und international ausgerichteten Züchtungsunternehmen, gibt es in Deutschland noch einen interessanten dritten Weg. Er ist aus der Zusammenarbeit von Bio-Züchtern entstanden, die konsequent ohne Hybridzüchtung und gentechnische Verfahren arbeiten. Sie erhalten nicht nur bewährte Sorten, sondern arbeiten auch gezielt an der Entwicklung neuer Sorten für die ökologische Landwirtschaft.

Diese Bio-Züchter haben sich im Verein Kultursaat zusammengeschlossen. Ihr Saatgut findet man in Deutschland zum Beispiel im Sortiment der Bingenheimer Saatgut AG, die die Vermehrung, Aufbereitung und den Vertrieb übernimmt.

Freiheit für die Vielfalt

Redner Benedikt Haerlin machte den Besuchern des Saatgut-Festivals Mut, sich weiter für die Vielfalt auf dem Acker einzusetzen und gegen Gentechnik zu kämpfen. Er stellte die Kampagne “Freiheit für die Vielfalt!” vor, die sich derzeit mit Entwurf zur neuen EU-Saatgutverordnung auseinandersetzt.

Eigentlich sollte die neue EU-Saatgutverordnung noch vor der Europawahl im Mai 2014 verabschiedet werden. Im Februar entschied aber der Agrarausschuss den umstrittenen Entwurf zurückzuweisen und empfahl der EU-Kommission diesen zu überarbeiten. Das EU-Parlament schloss sich diesem Votum im März an.

Der Streit geht weiter

Ein Etappensieg, für alle, die sich für mehr Saatgutvielfalt eingesetzt haben. Doch nun heißt es dranbleiben, denn spätestens nach der Europawahl wird die Diskussion weitergehen. Es ist zu vermuten, dass die professionellen Saatgutunternehmen ein starkes Interesse haben, so schnell wie möglich eine neue EU-Saatgutverordnung etabliert zu bekommen.

Für alle die sich auf der politischen Ebene mit der Reform der EU-Saatgutverordnung auseinandersetzen, heißt es deshalb hartnäckig an den Verhandlungen dran zu bleiben und mitzuwirken, dass Europa eine zukunftsweisende Lösung bei der Saatgutgesetzgebung bekommt.

Saatgut ist mehr als ein Geschäftsmodell

Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung und es ist inzwischen ein Politikum geworden. Saatgut ist nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern es tangiert auch öffentliche Interessen wie Nahrungsmittelsicherheit, Umweltschutz, Zugang zu den genetischen Ressourcen, Esskultur, biologische Vielfalt oder den Wandel der sozialen Strukturen in ländlichen Regionen.

Jeder kann die Entwicklung beeinflussen, indem er sich politisch einmischt. Wer im Garten oder auf dem Balkon Pflanzen anbaut, kann darauf achten, wo sein Saatgut herkommt. Die Saatgut-Tauschbörsen bieten einen direkten Kontakt und Gesprächsmöglichkeiten.

Weiterführende Links

Save Our Seeds

Navdanya

Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Arche Noah

Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e.V. (BDP)

International Seed Federation (ISF)

Kein Patent auf Leben! – No patents on seeds

Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V.

Kultursaat e.V.

Bingenheimer Saatgut AG

Lilatomate

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Quelle Zahlen: Marcel Bruins, Secretary General, International Seed Federation, Seed Science and the Seed Industry in the 21st Century auf dem Symposium “Leroy and Barbara Everson Seed and Biosafety”, 2013, http://www.extension.iastate.edu/broadcasts/BIGMAP/2013/default.htm?file=bruins.flv

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