Kultursaat feiert 20-jähriges Jubiläum

Kultursaat feiert 20-jähriges Jubiläum

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Kultursaat, Verein für Züchtungsforschung und Kulturpflanzenerhaltung auf biologisch-dynamischer Grundlage, feierte am 15. November 2014 sein 20-jähriges Jubiläum. Partner und verbundene Organisationen nutzten den Tag, um dem Verein die besten Wünsche mit auf den weiteren Weg zu geben.

Alternative zur konventionellen Züchtung

Gegründet wurde der Verein Kultursaat 1994. Die Praktiker sahen bereits damals die zunehmende Monopolisierung am Saatgutmarkt und die Dominanz der Hybridsorten kritisch. Die freien Öko-Züchter schlossen sich deshalb vor 20 Jahren zusammen, um eine nachhaltige und eigenständige Alternative zur konventionellen Pflanzenzüchtung aufzubauen. Viele der Kultursaat-Gründer, neue Züchter sowie zahlreiche Gäste von befreundeten Organisationen kamen am Wochenende zusammen. 20 Jahre Kultursaat, 20 Jahre biodynamische Züchtung, 20 Jahre samenfeste Sorten.

Auch Demeter-Vorstand Alexander Gerber war unter den Gratulanten. Er würdigte die Pionierleistungen und Erfolge der biodynamischen Pflanzenzüchtung. Gleichzeitig betonte er, dass die Kulturpflanzenentwicklung für den gesamten Ökolandbau weiter ausgebaut werden müsse. Dazu setze sich Demeter Deutschland unter anderem für eine Verbesserung der Zulassungsbedingungen ökologisch gezüchteter Sorten ein. Die biodynamischen Züchter haben ihrerseits die Arbeit des Demeter e.V geprägt, sagte Alexander Gerber und so habe Demeter als erster Bio-Verband bereits 2008 Richtlinien für Pflanzenzüchtung erlassen.

Schon 70 angemeldete Gemüse-Neuzüchtungen

Unter dem Dach von Kultursaat sind bis heute etwa 70 samenfeste Gemüse-Neuzüchtungen entstanden. Das Saatgut steht über die Bingenheimer Saatgut AG sowohl den Erwerbsgärtnern als auch Hobby-Gärtnern zur Verfügung.

Der ökologischen Pflanzenzüchtung kommt im Bio-Markt eine Schlüsselrolle zu, um dauerhaft Geschmacks-Vielfalt und Unabhängigkeit von Saatgut-Multis im Gemüseregal zu ermöglichen. Vitale, fruchtbare Sorten sind aber auch ein wichtiges Instrument, um den Folgen des Klimawandels angemessen zu begegnen. Die Wahrung der Integrität der Pflanze und Transparenz in der Sortenentwicklung stehen für die Züchter bei Kultursaat an oberster Stelle. So entwickeln und erhalten sie Sorten als Kulturgut und in der Verantwortung von Bauern und Gärtnern.

Das Wesen der Pflanzen achtend

Das 20-jährige Jubiläum gab Anlass zur Freude, zum Feiern aber auch dazu, einen Blick zurück und nach vorne zu wagen. Bei den Vorträgen der Züchter und Gäste wurde deutlich, dass die Eigenständigkeit der biodynamischen, ökologischen Züchtung eine wichtige Triebfeder des Vereins und ihrer Züchter ist. Die rein materielle Sicht der konventionellen Züchtung greift nach Ansicht der Mitglieder von Kultursaat zu kurz. Die Züchterinnen und Züchter von Kultursaat arbeiten unter Berücksichtigung des Wesens der Pflanzen und nach einem ganzheitlichen Verständnis von ökologischer Landwirtschaft, die auch das Geistige in sich trägt.

Georg Willmann, scheidendes Vorstandsmitglied von Kultursaat, forderte die Mitglieder dazu auf, auch in Zukunft an den geistigen Grundlagen des Vereins festzuhalten und gleichzeitig offen zu sein für neue gesellschaftliche Strömungen, die die Landwirtschaft erreichen. In der solidarischen Landwirtschaft (auch CSA genannt), sah er einen Wirtschaftsansatz, der die biodynamische Bewegung bereichern kann.

Für Kultursaat ist Saatgut ein Kulturgut

Elke Röder, Bundesverband Naturkost Naturwaren (kurz BNN) und erste Kultursaat-Botschafterin, gratulierte Kultursaat zum Mut eine eigenständige Züchtung aufzubauen, die sich am ökologischen und biodynamischen Gartenbau orientiert. Sie gratulierte zum Mut, den Gedanken des Gemeinguts in die Pflanzenzüchtung und die Vermarktung von Sorten zu tragen und sie lobte die Haltung des Vereins, Saatgut als Kulturgut zu behandeln.

Elke Röder berichtete von den Anstrengungen der Naturkost-Einzelhändlern des BNN, in Zukunft ein Bio-Gemüseangebot frei von CMS-Hybriden zu schaffen. Ohne die intensive Züchtungsarbeit von Kultursaat an samenfesten Sorten, sei dieses Ziel jedoch nicht zu erreichen. Elke Röder forderte alle Mitglieder der Wertschöpfungskette von Bio-Lebensmitteln auf, noch intensiver zusammenzuarbeiten und den Austausch und das Verständnis zwischen den Wirtschaftspartner zu verbessern.

Herausforderungen für die Öko-Pflanzenzüchtung

Impulsvorträge hielten die Züchterin Christina Henatsch vom Gut Wulsdorf in Ahrensburg und Burkhard Tillmanns Gärtner und Saatgutvermehrer vom Gärtnerhof Röllingsen. Beide sprachen die aktuellen Herausforderungen der ökologischen Züchtung.

Durch die gute Züchtungsarbeit bei Kultursaat konnte Burkhard Tillmanns in den letzten Jahren immer mehr samenfeste Sorten in den Anbau aufnehmen. Im Freiland setze der Gärtnerhof Röllingsen inzwischen 65 Prozent samenfeste Sorten ein, im Gewächshaus liege der Anteil von samenfesten Sorten inzwischen bei 71 Prozent, berichtete Tillmanns.

Der Gärtner forderte die Zuhörer auf, darüber nachzudenken, wie Züchter, Gärtner, Handel und Verbraucher gemeinsam den Qualitätsbegriff weiterentwickeln können. Geschmack, Vitalität und ernährungsspezifische Eigenschaften sollten stärker kommuniziert werden, so Tillmanns. In der Direktvermarktung sehe er dafür inzwischen gute Voraussetzungen, weil das Interesse der Verbraucher am Thema Saatgut sowie an gesunder Ernährung spürbar gestiegen sei.

Züchtung zurück in die landwirtschaftliche Ausbildung

Mehrfach Erwähnung fand die eigene Züchtungsfortbildung von Kultursaat, die ein ganzheitliches Konzept der Züchtung verfolgt und zum Ziel hat, die Züchtungsarbeit auf Erwerbsbetrieben zu stärken. Tillmanns forderte, dass Züchtungsthemen wieder stärker in die landwirtschaftlich, gärtnerische Ausbildung sowie die freie Ausbildung im biologisch-dynamischen Landbau integriert werden sollten. Nur so könne eine Alternative zum molekularen, biologischen und gentechnischen Ansatz der konventionellen Züchtung aufrechterhalten werden.

Züchterin Christina Henatsch griff in ihrem Vortrag zurück auf den „Landwirtschaftlichen Kurs“ von Rudolf Steiner. Sie sagte, dass selbst der beste gärtnerische Anbau von Gemüse nichts erreichen könne, wenn nicht auch die Sortenqualität im Sinne der Ernährungsqualität stimme. Sie plädierte dafür, auch in Zukunft den Mut für den ganz weiten Blick nach vorne zu behalten und sich nicht zu eng am „Machbaren“ und an den aktuellen Anforderungen der Vermarktung zu orientieren.

Kultursaat mit Unbedingtheit und Weitblick

Christina Henatsch berichtete von ihren Erfahrung mit jungen Menschen und Auszubildenden auf dem Gut Wulsdorf. Die nächste Generation der Bio-Landwirte und Gärtner fordere wieder die Unbedingtheit und den Weitblick in der ökologischen Züchtung, so Henatsch. Dazu gehöre die Unabhängigkeit von Konzernen und eine Züchtung die Sorten als Gemeingut behandelt.

Ökologische Züchtung solle auf regional angepasste Sorten setzen und auf umfassende Vielfalt. Hinter dieser Vielfalt müsse immer eine unmittelbar erlebbare Qualität in Geschmack und Ernährungsqualität stehen. Nur wenn die ökologische Züchtung bei diesen Punkten konsequent und kompromisslos ist, erreichen die Bio-Züchter ihr Ziel, sagte Henatsch.

Alternativen schaffen zur Saatgutindustrie

Gebhard Rossmanith, einer der beiden Geschäftsführer der Bingenheimer Saatgut AG bedankte sich bei den Kultursaatzüchtern für ihre große gemeinschaftliche Züchtungsleistung der letzten 20 Jahre. Aus der politischen Perspektive sieht Rossmanith die Landwirte und Verbraucher vor der Herausforderung, dem weltweiten Eroberungsfeldzug der Saatgutindustrie stand zuhalten.

Neue gentechnische Züchtungsmethoden würden die Gefahr der Abhängigkeit der Landwirtschaft von Saatgut- und Chemiekonzernen weiter verstärken. In diesem politischen Kontext schaffe die Arbeit der Züchterinnen und Züchter von Kultursaat Mut und Hoffnung indem sie eine positive Alternative aufzeigen. Rossmanith sprach seinen Dank an die Kultursaat-Züchter dafür aus, dass sie schon vor mehreren Jahrzehnten diese Entwicklung haben kommen sehen.

Kontinuierliche Weiterentwicklung der Sorten

Boris Voelkel von Voelkel Naturkostsäfte hob die Qualität der samenfesten Sorten hervor, die auch für die Saftherstellung von großer Wichtigkeit sei. Das Unternehmen verarbeite mehr als 2000 Tonnen samenfester Gemüsesorten im Jahr. Er unterstrich die Bedeutung einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Sorten und bekräftigte die Bereitschaft der Firma Voelkel einen finanziellen Beitrag zur Züchtung bei Kultursaat zu leisten.

Ökolandbau bedarf Vielfalt und Fruchtbarkeit

Oliver Willing, Geschäftsführer der Zukunftsstiftung Landwirtschaft von der GLS-Treuhand, begeisterte sich für die Arbeit der Züchterinnen und Züchter von Kultursaat und hob besonders die Vielfalt unter den züchtenden Menschen des Vereins hervor. Die Vielfalt der Sorten und Kulturen sowie die Fruchtbarkeit werden der Prüfpunkt für die Weiterentwicklung des Ökolandbaus werden, sagte Willing. Der Ökolandbau brauche zwingend eine unabhängige Pflanzenzüchtung.

Weitere Gratulanten reihten sich ein. Darunter Mieke Lateir vom belgischen Ökosaatguthändler Biosano, Jean-Pierre Bringiers vom Saatguthändler und Züchter Sativa aus der Schweiz, Barbara Maria Rudolf von Saat:gut e.V., dem Förderverein für biologisch organische Pflanzenzüchtung sowie Klaus Schönfelder, Naturkost-Einzelhändler und Vertreter der BioMarkt-Einzelhändler (eine Intiative von Denree).

Weiterführende Links

Kultursaat e.V.

Züchtungsfortbildung von Kultursaat

Bingenheimer Saatgut AG

Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Bundesverband Naturkost Naturwaren

GLS-Treuhand

Demeter Deutschland

Voelkel Naturkostsäfte

Saatguthändler und Züchter Sativa

belgischen Ökosaatguthändler Biosano

Saat:gut e.V.

Netzwerk Solidarische Landwirtschaft

BioMarkt-Einzelhändler

Denree Biohandelshaus

Gut Wulsdorf in Ahrensburg

Gärtnerhof Röllingsen

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