Essen ist politisch – Berlin-Wochenende

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Essen ist politisch – Berlin-Wochenende

Mitte Januar kamen die Akteure der Landwirtschaft in Berlin zusammen und es wurde deutlich: Essen ist politisch. Schwerpunkte waren agrarpolitische und gesellschaftliche Fragen rund um Landwirtschaft und Ernährung, beides inzwischen gesellschaftlich heiß diskutierte Themen. Pro und Contra, Politik und Verbände, Bürger und Wirtschaftsvertreter trafen aufeinander.

Meinungsbildung und agrarpolitsche Standpunkte

Im vierten Jahr in Folge bin ich an diesem besonderen Januar-Wochenende nach Berlin gefahren, um meinen persönlichen Standpunkt zur Agrarpolitik zu vertreten und um mir anzuhören, was die Argumente der anderen sind.

Essen ist politisch, Landwirtschaft ist politisch und was meistens unterschätzt wird: Groß- und Einzelhandel ist politisch. Denn die Strukturen, die Handel geschaffen wurden, die Abhängigkeiten, die entstanden sind, haben einen großen Einfluss auf die Landwirtschaft auf der einen Seite und auf unser Konsum- und Ernährungsverhalten auf der anderen Seite.

Politik, Branche und Gesellschaft

Mein Berlin-Wochenende zur Ernährungspolitik begann mit dem Bio-Empfang des BÖLW am Rande der Grünen Woche. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, kurz BÖLW, ist der Dachverband der Bio-Branche und vertritt landwirtschaftliche Erzeuger, Verarbeiter und Händler. Der BÖLW versucht die Interessen der ökologischen Lebensmittelwirtschaft zu bündeln und vertritt die gemeinsamen Interessen gegenüber Politik und Gesellschaft.

Zum Bio-Empfang des BÖLW kamen dieses Jahr rund 600 Gäste. Der BÖLW brachte auf dem Empfang Politik, Landwirtschaftsbranche und Gesellschaft zusammen: Minister, Abgeordnete des Bundestags, der Landtage und des EU-Parlaments, Vertreter zivilgesellschaftlicher Gruppen, der Forschung und Presse, Bauern, Händler und Lebensmittelhersteller waren unter den Gästen und sie nutzten die Gelegenheit über die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung ins Gespräch zu kommen.

Wie weiter mit steigender Bio-Nachfrage

BÖLW-Vorstandsvorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein forderte in seiner Rede die Politik auf, die starke Nachfrage der Verbraucher und das Interesse der Bauern am Öko-Landbau für die Erreichung gesellschaftlicher Nachhaltigkeitsziele zu nutzen.

Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt betonte, die Bio-Branche bräuchte von der Politik und den aktuell laufenden Verhandlungen zur neuen EU-Bio-Verordnung ein klares Signal für mehr Umstellung. Darüber hinaus falle der Landwirtschaft im Klimaschutz eine wichtige Aufgabe zu, so der Minister. Sie könne und müsse atmosphärischen Kohlenstoff durch Humusbildung im Boden festsetzen.

Auswirkung der konventionellen Landwirtschaft

Der EU-Abgeordnete Martin Häusling forderte Minister Schmidt auf, sich für eine deutliche Reduzierung des Pestizideinsatzes einzusetzen, damit die unselige Diskussion um spezifische Kontaminierungs-Grenzwerte für Öko-Produkte aufhören könne.

Überraschungen und neue Standpunkte brachten die Reden jedoch nicht. Die Themen für den Abend waren durch die Redebeiträge gesetzt und bei gutem Bio-Essen setzten die Gäste ihre Gespräche fort und sie sprachen über Ernährung, Landwirtschaft und die Rolle der Politik, denn auch hier ist angekommen: Essen ist politisch.

 

Impressionen Schnippeldisko 2016 im ZK/U Berlin: Essen ist politisch

Impressionen Schnippeldisko 2016 im ZK/U Berlin, Essen ist politisch

Schnippeldisko mit Ernteresten aus der Region

Lauter, bunter, fröhlicher und praktischer ging es bei der Schnippeldisko zu, die am gleichen Abend wie der Bio-Empfang des BÖLW stattfand. Die größte Schnippeldisko der Welt fand das fünfte Jahr in Folge satt und wurde von der Slow-Food-Youth im ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik organisiert.

Die Suppe, die am Abend gekocht wurde, wärmte am nächsten Mittag die kalten und hungrigen Teilnehmer der „Wir haben es satt! Demo“. Ganz nach Slow -Food-Youth-Manier verwendeten die Teilnehmer Erntereste von Bauernhöfen aus der Region, die ohne die Schnippeldisko weggeworfen worden wären. Bei der Schnippeldisko wurde praktisch deutlich: Essen ist politisch!

Vegane Suppe für „Wir haben es satt!-Demo“

Zweitausend Kilogramm knubbeliges und ungewolltes Gemüse – zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn – wurde geschält und geschnippelt und gemeinsam mit der Fläming Kitchen zu einer  veganen Suppe verarbeitet. Den Helfenden heizten die DJs Decent, Romino Power und Caballero de Algomas von Green Music Initiative mit feiner Musik ein.

Im Untergeschoss des Zk/U gab es Diskussionen und Vorträge zu Themen wie Land Grabbing, Lebensmittelverschwendung, Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft, Demokratisierung unserer Ernährungssysteme, Ernährungssouveränität in Kriegsgebieten und Landwirtschaft in Nord und Süd.

Wir haben es satt! Demonstration vor dem Reichstag und Kanzleramt in Berlin 2016: Essen ist politisch

Wir haben es satt! Demonstration vor dem Reichstag und Kanzleramt in Berlin 2016: Essen ist politisch

Höhepunkt „Wir haben es satt!-Demo“

Die „Wir haben es satt!-Demonstration“ am Samstag war der unangefochtene Höhepunkt des Berlin-Wochenendes und zeigte mit dem Protestzug vor das Kanzleramt sowie durch die um die Demo herum organisierten Aktionen: Essen ist politisch! Die Politik muss sich dieser Verantwortung gegenüber den Bürgern stellen. Landwirtschaft und Ernährung sind mehr als ein Wirtschaftszweig.

Bei der Wir haben es satt!-Demo zeigten die Veranstalter und Teilnehmer, dass es in einer global vernetzten Landwirtschaft um mehr geht als einen ökonomischen Prozess. Es geht auch um ein Recht auf Nahrung, fairen Handel, artgerechte Tierhaltung, gesundes Essen, umweltfreundliche Produktion, Erhalt der Vielfalt, Gefahren der Monopolisierung von Lebensgrundlagen, Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen, Klimaschutz und sauberes Trinkwasser.

Breites Bündnis für ökologische Agrarwende

Auch dieses Jahr kamen wieder mehr als 20.000 Teilnehmer und 130 Traktoren zum Potsdamer Platz und zogen von dort durch das Zentrum von Berlin zum Bundeskanzleramt. Die Teilnehmer traten für eine Agrarwende ein und forderten von der Bundesregierung die Weichen für eine bäuerliche und ökologischere Zukunftslandwirtschaft zu stellen. Bauern, Imker, Tier- und Naturschützer, Aktive in der Entwicklungszusammenarbeit, Lebensmittelhandwerker und Köche demonstrierten für Bauernhöfe, die umwelt- und klimafreundlich wirtschaften, artgerechte Tierhaltung verwirklichen, gentechnikfrei arbeiten und deren Grundsatz fairer Handel ist.

Die Agrarpolitik in Berlin und Brüssel ist verantwortlich für die Rahmenbedingungen, die in den letzten Jahrzehnten zu Überproduktion und niedrigen Erzeugerpreisen geführt haben. Die landwirtschaftlichen Großstrukturen, die wir hier in Deutschland und Europa geschaffen haben und die Exporte von Agrarprodukten haben regionale Märkte und bäuerliche Produktionsstrukturen zerstört.

Der größten Gewinner der aktuellen agrarpolitischen Ausrichtung sind meiner Meinung nach der organisierte Einzelhandel und internationale Lebensmittelkonzerne, die beide am Ende mit den großen Produktionsstrukturen und den niedrigen Preisen, ihre heutigen Strukturen erst aufbauen konnten. Landet nicht ein Großteil der Agrarförderung am Schluss bei Lidl, Aldi, Metro, Edeka, Rewe und Co. oder Firmen wie Nestlé, Unilever oder Bonduelle?

„Weiter-so“ zerstört Lebensgrundlage

Die Agrarpolitischen Rahmenbedingungen in Europa und die unternehmenspolitischen Entscheidungen im Einzelhandel haben maßgeblich zum Umbau der Landwirtschaft hin zu Großstrukturen und zur Internationalisierung der Agrarmärkte geführt. Die Teilnehmer der Wir haben es satt! Demo fordern von der Politik eine Kursänderung und eine Förderung einer ökologischen Agrarwende in Europa.

Christina Henatsch, Demeter-Bäuerin auf Gut Wulfsdorf, brachte die Forderungen nach einem Umsteuern der Agrarpolitik in ihren Worten auf den Punkt: „Ein ‚Weiter-so‘ wie bisher zerstört unsere Lebensgrundlagen. Wir müssen umsteuern und unsere Landwirtschaft fit für die Zukunft machen. Millionen Bio-Bauern überall auf der Welt zeigen heute schon wie man gesunde Lebensmittel herstellt und dabei Klima und Trinkwasser schützt, den Boden fruchtbar hält, Tiere wesensgemäß behandelt und Hunger auf dem Land bekämpft.“

Vorher Bauernfrühstück, nacher Soup & Talk

Begleitet wurde die „Wir haben es satt!-Demo von Bauernfrühstück in er Markthalle Neun sowie vom Soup & Talk nach der Demo in der nahe gelegenen Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen mit Straßenfest vor dem Gebäude und World Café parallel zu den Kurzvorträgen. Die Kurzvorträge beim Soup & Talk findet ihr hier als YouTube-Videos dokumentiert: Programm Soup & Talk.

Gegendemo wehrt sich gegen Radikalisierung

Nicht alle Landwirte sind von der Wir haben es satt! Bewegung und den Ideen einer ökologischen Agrarwende begeistert. Zum zweiten Mal fand deshalb eine Gegendemonstration von Landwirten am Morgen vor der Wir haben es satt! Demo statt. Unter dem Motto „Wir machen euch satt!“ versammelten sich Bauern vor dem Berliner Hauptbahnhof, um gegen eine Skandalisierung und Verunglimpfung der Landwirtschaft zu demonstrieren. Marcus Holtkötter sprach mit mir unmittelbar vor der Wir machen euch satt! Kundgebung und erklärte die Anliegen der Veranstaltung.

Gesellschaftlich für die Agrarwende einstehen

Essen ist politisch, das war mir schon vor dem agrarpolitischen Berlin-Wochenende klar. Doch mir ist deutlich geworden, dass unser globales Ernährungssystem bereits unter Volllast läuft, dass wir aktuell die Perspektiven zukünftiger Generationen auf eine gesunde und nachhaltige Ernährung durch unsere Art der Landwirtschaft verschlechtern, dass mehr und mehr Menschen sich mit den Konsequenzen ihrer Ernährung und der Landwirtschaft, die ihre Lebensmittel herstellt auseinandersetzen. Wir brauchen Anpassungen. Politische Weichenstellungen hin zu einer nachhaltigen Agrarwende sind bisher ausgeblieben. Die Trägheit der Politik trägt dazu bei, dass sich die Diskussion in den vergangenen Jahren zugespitzt hat.

Die Bürger können handeln, indem sie ihr Einkaufsverhalten bei Lebensmitteln so ändern, dass ökologische und regionale Produkte mehr Gewicht bekommen. Die Anpassung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen, darf jedoch nicht ausbleiben. Ein nächster großer Meilenstein, ist die Überarbeitung EU-Öko-Verordnung, die derzeit auf EU-Ebene in die heiße Diskussionsphase eintritt. Jeder kann in seinem Rahmen mitgestalten, sei es persönlich oder politisch.

Weiterführende Links zu Essen ist politisch

Grüne Woche

BÖLW | Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft

Slow-Food-Youth

Fläming Kitchen

Green Music Initiative

Gut Wulfsdorf

Essen ist politisch – Deutschlandradia Kultur spricht mit Food-Aktivist Hendrik Haase und Landwirt Christian Heymann

Video Sarah Wiener bei WHES 2016: Essen ist politisch

Video von WissensWerte zur Welternährung: Essen ist politisch

Holtkötter Agrar

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