Biologische Vielfalt ist entscheidend

Biologische Vielfalt ist entscheidend

Die biologische Vielfalt ist die Basis dafür, dass wir die Menschheit auch in Zukunft ernähren können. Der Zugang der Menschen zum Saatgut muss gewährleistet bleiben. Das Saatgut der Kulturpflanzen bildete über Jahrtausende eine ganz besondere Verbindung der Menschen mit der Natur, die über Generationen weitergegeben wurde.

Es gibt nur wenige Dinge auf der Erde, die so lebendig und wundervoll sind wie Saatgut. Der Samen kann oft viele Jahre ruhen, bevor er keimt und eine neue Pflanze sich entwickelt. Darüber hinaus bewahrt Saatgut das Wissen und die Kultur rund um unsere Ernährung.

Saatgut war viele Jahrhunderte Gemeingut

Die Geschichte unserer Kulturpflanzen hat ihren Ursprung vor rund 12 000 Jahren, als unsere Vorfahren sesshaft wurden und begannen, sich mit Landwirtschaft zu befassen. Aus Wildpflanzen entwickelten Bauern über Jahrtausende hinweg Kulturpflanzen. Sie verbesserten ihr Saatgut, indem sie die am besten angepassten Pflanzen weitervermehrten und mit ihren Nachbarn tauschten. Das Saatgut der Kulturpflanzen bildete über Jahrtausende eine ganz besondere Verbindung der Menschen mit der Natur, die über Generationen weitergegeben wurde. Die nachfolgende Generation hatte stets Zugang zu den Errungenschaften ihrer Vorfahren.

Die Erfahrung und das Wissen, das im Saatgut unserer Kulturpflanzen gespeichert ist, haben einen unschätzbaren Wert. Die biologische Vielfalt, die sich aus der gemeinsamen Arbeit der Bauern entwickelt hat, ist auch heute noch wichtig für den Fortbestand der Menschheit. In Zeiten von Klimawandel, schwindenden Anbauflächen und Bevölkerungswachstum brauchen wir eine möglichst große biologische Vielfalt, um den Herausforderungen der nächsten Jahrhunderte begegnen zu können.

Züchtung weg von der Landwirtschaft

Heute haben wir den Zugang zum Saatgut und auch zum Wissen über unsere Kulturpflanzen weitgehend verloren. Saatgut ist inzwischen privates Eigentum von wenigen weltweit tätigen Unternehmen geworden, die neben dem Saatgut auch die maßgeschneiderten Pflanzenschutzmittel verkaufen. Die Züchtung findet in zunehmendem Maße im Labor statt. Neue Züchtungstechniken haben Einzug gehalten und die klassische Selektion verdrängt. Unsere Kulturpflanzen entstehen durch Hybridzüchtung männlich steriler Elternlinien, künstlicher Vervielfältigung des Erbguts in den Zellen, Verschmelzung von Zellen, bis hin zu neuen Züchtungstechniken, die auf ganz gezielte Veränderungen im Erbgut hinwirken.

 

Vielfalt bei den Getreidearten ist heute eine Seltenheit geworden
Möhrensorten von Kultursaat-Züchtern sind samenfest, ohne Sortenschutz und ohne Patente
Bei Obst-Sorten ist biologische Vielfalt verschwunden, die Pflege und der Erhalt alter Sorten ist eine wichtige Aufgabe geworden
Große biologische Vielfalt bei Kürbis, verschiedene Kürbisarten und -sorten

Sorten und Saatgut sind zur Ware geworden

Zum Wissen über unsere Kulturpflanzen im Zusammenspiel mit ihrer Umwelt ist das Wissen um die Rolle des Erbguts auf die Ausprägung der Pflanze dazugekommen. Die Grundlage dafür legte Gregor Mendel erst vor 150 Jahren. Züchtung ist seit Mendel und seinen Nachfolgern im Fachgebiet der Genetik immer wissensintensiver geworden und hat sich weg von der Landwirtschaft hin zu spezialisierten Züchtungsunternehmen bewegt. Die Sorte als eine ganz spezielle Variante der jeweiligen Kulturpflanze mit charakteristischen Merkmalen ist zum Produkt und zur Ware von Unternehmen geworden.

Seit 1953 gibt es in Deutschland ein eigenständiges Gesetz über »Sortenschutz und Saatgut von Kulturpflanzen «. Es regelt die Rechte der Züchter gegenüber den Landwirten und sorgt dafür, dass die Weitervermehrung einer Sorte beim Landwirt eingeschränkt ist oder Gebühren dafür anfallen. Auf die Züchtung und Weiterentwicklung der Sorten hat dieses Gesetz noch keine gravierenden Auswirkungen. Züchter können mit geschützten Sorten weiterarbeiten und verbesserte eigene Sorten daraus entwickeln, das ist das sogenannte Züchterprivileg.

Keine Patente mehr auf konventionelle Züchtungen

In den 1980er-Jahren begann das Gentechnik-Zeitalter in der Pflanzenzüchtung. Einhergehend damit fanden zunehmend Patente Einzug in die Züchtung, seien es Patente auf (gentechnische) Züchtungsverfahren oder auf das Produkt der Züchtung selbst, die Sorte. Patente beschränken anders als der Sortenschutz auch die Arbeit der Züchter, denn ist eine Sorte mit Patenten belegt, darf auch ein Züchter mit der Sorte nicht mehr weiterzüchten, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen.

Das Europäische Patentamt hat in den letzten Jahren sogar Patente auf Pflanzen erteilt, die konventionell gezüchtet worden waren, also ohne gentechnische Verfahren. Gegen diese Fehlentwicklung wehren sich seit einigen Jahren engagierte Menschen und NGOs. Vor wenigen Wochen, im November 2016, hat nun die Europäische Kommission eine lang erwartete Stellungnahme abgegeben, die die Position der Patentgegner stützt und die besagt, dass Patente auf Pflanzen und Tiere aus biologisch konventionellen Züchtungsverfahren nicht patentierbar sind. Das macht Hoffnung, dass das Europäische Patentamt auf diese Linie zurückkehrt (siehe auch No Patent On Seeds).

Viel Geld für angewandte Gentechnik

Unternehmen, die im Gentechnik-Zeitalter der Pflanzenzüchtung eine führende Rolle spielen wollten, mussten Geld in den Aufbau des Wissens der angewandten Gentechnik investieren und ihr Unternehmenswachstum vorantreiben. Wachstum durch Übernahmen war eine der Strategien. In den letzten Jahrzehnten schluckten große Unternehmen viele mittelständische Züchterhäuser, was eine drastische Verarmung der Züchtungslandschaft in Europa und weltweit zur Folge hatte.

Aktuell kündigen sich aber auch gegenseitige Übernahmen der ganz großen Unternehmen an. Chemchina will Syngenta für 43 Milliarden Dollar übernehmen und Bayer strebt an, Monsanto für 66 Milliarden Dollar zu schlucken (siehe Artikel Zeit-Online, Bayer kauft US-Saatguthersteller Monsanto). Den Startschuss für diese Großübernahmen hatte der Zusammenschluss der amerikanischen Chemie- und Saatgutkonzerne Dow Chemical und DuPont gegeben. Vor dem Hintergrund der voranschreitenden Privatisierung des Saatguts durch Patente ist das eine beunruhigende Entwicklung für die biologische Vielfalt auf dem Acker.

Bürger demonstrieren für biologische Vielfalt

Das Wachstum und der Wettbewerb dieser Unternehmen untereinander wird vorrausichtlich nicht zu mehr Arten- und Sortenvielfalt in der Landwirtschaft führen, sondern eher dazu, dass die Unternehmen versuchen werden, mit weniger Arten und Sorten einen möglichst großen Profit zu erzielen. Durch die Umstellung von sogenannten Landsorten auf moderne, überregional gehandelte Sorten haben wir in den entwickelten Ländern bereits einen Großteil unserer landwirtschaftlichen Biodiversität verloren. Aktuell scheinen wir die Fahrt in diese Sackgasse zu beschleunigen.

Doch überall auf der Welt haben Menschen erkannt, wie wichtig das Saatgut für die Zukunft der Menschheit ist und sie sind aktiv geworden. Im vierten Jahr in Folge demonstrierten im Frühjahr Bürger in vielen Ländern und Städten gegen die zunehmende Kontrolle von Großkonzernen über die Lebensmittelproduktion beim sogenannten »March against Monsanto«.

Wir haben es satt!-Demonstration

In Deutschland bekannter ist die seit 2010 jährlich im Januar stattfindende "Wir haben es satt!"-Demonstration, die sich für gesundes Essen, eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft und fairen Handel einsetzt und auch das Thema Saatgut immer wieder in den Mittelpunkt stellt. Biologische Vielfalt auf dem Acker ist ein Kernthema der sogenannten bäuerlichen Landwirtschaft. Im Vergleich zur "spezialisierten, industriellen Landwirtschaft" arbeitet die bäuerliche Landwirtschaft mit einer deutlich größeren biologischen Vielfalt innerhalb ihrer Betriebsstruktur.

Ein Erfolg dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung war zum Beispiel die Ablehnung eines Neuentwurfs der EU-Saatgutverordnung durch das EU-Parlament und der vollständige Rückzug des Gesetzentwurfs in 2015.

Schluss mit dem Druck der Konzerne

Allein die politische Einflussnahme ist vielen Menschen nicht genug. Der Wunsch, die Kontrolle über die Erzeugung und Verteilung von Nahrungsmitteln zurückzugewinnen, hat auch in Deutschland zu einem Boom der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) geführt. Dabei tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten.

Das macht die Landwirte wieder frei vom Druck der Lebensmittelhandelsketten auf der einen Seite und der Chemie- und Saatgutkonzerne auf der anderen Seite und schafft den Raum für eine konsequente bäuerliche regionale Landwirtschaft ohne gentechnisch verändertes oder mit Patenten belegtes Saatgut. Aktuell gibt es in Deutschland mindestens 117 bestehende Solawi-Betriebe, 106 Solawis befinden sich in Gründung, ist auf der Website des Solawi-Netzwerk zu lesen (www.solidarische-landwirtschaft.org). Eine neue Generation junger Landwirte und Gärtner ist im Aufbruch und schafft den Schulterschluss mit den Bürgern und Verbrauchern.

Hausgärtner informieren sich auf Saatgutbörsen

Wer daheim selber aussäen will, der besucht am besten im Frühjahr eine der regionalen Saatgutbörsen. Dort finden Gärtner ein großes Angebot an Saatgut wohlschmeckender alter und neuer Sorten, die nachbaufähig und aus ökologischem Anbau sind. Auf Saatgutfestivals tauschen sich die Besucher auch über ihre Erfahrungen im Garten aus. Die Veranstalter sorgen zum Teil für zusätzlichen Wissensinput durch Vorträge, Workshops oder Filme. So gerüstet geht es dann in die neue Gartensaison. Terminübersicht.

Saatgut selbst vermehren

Ich möchte zum Schluss alle Gartenfreunde ermutigen, das Saatgut ihrer liebsten Pflanzen einmal selbst zu vermehren. Zunächst die Pflanze verblühen lassen, damit der Samen reifen kann. Dann den Samen ernten, ihn über den Winter zu bewahren, mit Freunden zu tauschen und im Frühjahr dass Wiedererwachen und die frische Lebendigkeit zu erleben, eine wundervolle Erfahrung.

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2 comments

  1. Richard sagt:

    Hallo Marek,
    danke für den informativen Artikel. Ich finde es absolut unverständlich, dass der Zusammenschluss von Bayer und Monsanto überhaupt möglich ist. Wenn ich es richtig verstanden habe, entsteht dadurch ein Unternehmen, dass global 30% und in den USA 100%(!!!) Marktanteil hat. Da müsste doch jede Kartellbehörde im Viereck springen.
    Vielen Dank auch für den Hinweis auf die Saatgutbörsen. Das werde ich im Frühjahr mal ausprobieren.
    Schönen Gruß
    Richard

    • MarekThi sagt:

      Hallo Richard,
      freut mich sehr, wenn der Artikel dir Inspirationen geben konnte, was wir tun können, um uns gegen die aus meiner Sicht wirklich kritische Entwicklung zur Wehr zu setzen.
      Liebe Grüße
      Marek

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